Ordnungsämter, Polizei und Justiz sind gesetzlich verpflichtet gegen Nazi-Symbole vorzugehen. Doch ist die Heuchelei bei den Behörden so verbreitet, dass sich Hakenkreuze und andere Symbole des Hasses ungehemmt vermehren, wenn man nicht selbst aktiv wird.
Irmela Mensah-Schramm hatte kaum eine Ausstellung in Bad Nauheim eröffnet, als sie schon darauf brannte, Hass im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu vernichten. Wir fuhren zuerst ins Waldtal. Ich hatte zuvor nur das große Hakenkreuz im Ginseldorfer Weg entdeckt.
Mensah-Schramm zog den weißen Anti-Hass-Anzug über. Der Anti-Hass-Anzug ist praktisch, aber nicht elegant.
Frau Schramm ist nicht beleibt. Sie nahm einen Pinsel und eine Plastikflasche mit lila Farbe. Dann machte sie sich über das Hakenkreuz her. Man sieht, wie groß es war.
Irmela Mensah-Schramm führt ihr Engagement gegen den Hass auf ein Urerlebnis zurück: Die kleine Irmela hatte gerade Schreiben gelernt, als sie die Tapete im Schlafzimmer ihrer Mutter mit der Aufschrift MUTTI DU BIST EIN ARSCHLOCH versah. Die Mutter verzichtete auf autoritäre Maßnahmen. Sie verwies nur still auf das Leid, das ihr die Tochter zugefügt hatte, und gab der Tochter auf die Hass-Parole zu entfernen. Noch heute gerät Irmela Mensah-Schramm ins Schwitzen, wenn sie der Mühe gedenkt, die das Putzen machte.
In Marburg musste Mensah-Schramm sparsam mit der Farbe umgehen, weil sie auf dem Weg in den Ginseldorfer Weg noch andere Hakenkreuze gefunden hatte. Als besonders resistent erwies sich ein Hakenkreuz direkt auf dem Bürgersteig.
Mensah-Schramm (links, mit gefärbten Fingerspitzen, im weißen Anti-Hass-Anzug) erklärt den Leuten, warum ein Hakenkreuz nicht das Gelbe vom Ei ist und wie man es professionell entfernt.
Währenddessen lief ich zum nächsten Hakenkreuz über die Straße.
Plötzlich schoss von hinten ein Hund auf mich los und biss mir in die Wade. Ein Nazi-Hund, dick und böse? Nein! Zwar dick und böse, doch Tiere sind nicht strafmündig. Mensah-Schramm war entsetzt. Ich aber weiß: Beißwütige Hundchen machen den Reiz des Landkreises Marburg-Biedenkopf aus. Mensah-Schramm stellte den Hund zur Rede und überstrich das Hakenkreuz.
Sie hat nichts gegen Graffiti. Sie geht nur gegen Hass-Parolen vor.
Bei dieser Gelegenheit erzählte Frau Schramm die Geschichte vom Berliner, der seinen Schäferhund Adolf getauft und so abgerichtet hatte, dass er beim Zuruf Heil Hitler die rechte Pfote stracks nach oben streckte. Empörte Bürgerinnen und Bürger forderten darauf, den Hund einzuschläfern. Dies wiederum rief Tierschützer auf den Plan: Wenn hier jemand einzuschläfern sei, so sei es das Herrchen. Ich verdamme sowohl die Dressur als auch alle bisherigen Lösungsvorschläge.
Marburg hätte uns noch lange Arbeit gegeben. Schließlich beschlossen wir, die besonders arge Nazi-Stätte in Kirchhain heimzusuchen.
Die Nazi-Symbole liegen zu hoch, als dass man sie auf dem Boden stehend überstreichen kann. Mensah-Schramm klingelte an der Haustür. Eine volkstümliche junge Frau öffnete. Mensah-Schramm fragte, ob sie eine Leiter bekommen könne. "Das muss der Hausbesitzer bestimmen," sagte die junge Frau, "ich bin nur Mieterin." Mensah-Schramm fragte, ob die junge Frau wohl helfen würde, die Nazi-Symbole zu entfernen? Antwort: "Nein, das werde ich nicht!" Ob die junge Frau etwas dagegen habe, wenn Frau Schramm die Nazi-Symbole alleine entfernte? Antwort: "Das werde ich nicht zulassen!"
Mensah-Schramm und ich nahmen uns vor, der jungen Frau und ihrem Hausbesitzer noch ein paar Wochen Zeit zu geben. Falls die Nazi-Symbole jedoch bleiben, werden wir erneut aktiv.
Nach Berlin zurückgekehrt schrieb Mensah-Schramm folgenden Brief an die hiesige Oberhessliche Presse
Das Papier rechts oben verdeckt den Namen des Hausbesitzers.
Selbstverständlich hat sich die Oberhessische Presse nicht engagiert. So tun, als sei da nichts: Es ist genau der Filz zwischen Honoratioren, Behörden und Medien, der den Nazismus in der westdeutschen Provinz bis heute ermöglicht und vertuscht.
Mit Irmela Mensah-Schramm haben wir am 22.3.2003 die nächste Anti-Hass-Aktion gestartet. Zuvor hatten sie, andere und ich versucht, die Justizministerien in Berlin und Wiesbaden, die Staatsanwaltschaft Marburg, die Polizeistation Stadtallendorf und den Kirchhainer Magistrat auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen.
Am 22.3.2003 wollten wir zuerst die
Wolfsangel in Kirchhain
überstreichen.
Ich habe eine Leiter geschultert und Frau Schramm nahm
Farbe, Pinsel und Handy. Fünf Minuten vor Erreichen des Ziels rief
sie die Polizei an und forderte Schutz. Der Polizist am anderen Ende der
Leitung sagte, wir dürften keine Nazi-Symbole entfernen, schon gar
nicht von einem privaten Haus. Frau Schramm belehrte ihn. Die meisten
Polizisten haben in der Polizeischule nicht aufgepasst oder die Polizeischule
ist so schlecht.
Ich habe die Leiter angelegt. Der Hausbesitzer kam angaloppiert und tat stark, wurde aber zuckersüß, als er vor mir stand. Er behauptete, er hätte gar nicht gewusst, dass er eines der schlimmsten Nazi-Symbole auf seine Hauswand gemalt hat. Ich sagte, ich glaube ihm nicht. Der Hausbesitzer beteuerte, er sei neutral.
Dann erschien das Polizei-Auto. Mensah-Schramm hatte ihren weißen Anti-Hass-Anzug an und war sehr auffällig. Sie winkte den Beamten zu. Die aber fuhren DREIMAL an uns und der Wolfsangel vorbei und taten so, als könnten sie nichts sehen. Danach machten sie sich davon. Das Freundlichste, was sich über die Polizei sagen lässt, ist, dass es sich dabei um einen extrem teuren Scherzartikel handelt .
Der neutrale Hausbesitzer versprach, er selbst wolle die Nazi-Zeichen in den nächsten Wochen, spätestens bis zum 1.Mai, entfernen. Mensah-Schramm, die immer an das Gute im Menschen glaubt, ließ sich darauf ein und ich trug - mit Zähneknirschen - die Leiter zurück.
Wir waren dann noch auf dem Kirchhainer Bahnhof und auf dem Richtsberg, einem Marburger Stadtteil. Hakenkreuze, jede Menge Satanssymbole direkt vor einer Kirche und dabei natürlich Verwahrlosung. Etliche Hakenkreuze und Satanssymbole haben wir mit Aceton weggekriegt, aber leider nicht alle.
Seit dem 22.4.2003 sind die Nazi-Symbole im Drosselweg überdeckt. Die Justizministerien in Berlin und Wiesbaden hatten sich zuvor geäußert. Die Staatsanwaltschaft Marburg teilte das Aktenzeichen mit, weil ich über das hessische Justizministerium Druck ausgeübt hatte. Am erfreulichsten war noch ein Schreiben des Kirchhainer Magistrats:
Im Unterschied zu anderen Behörden haben mir die Kirchhainer nicht weiszumachen versucht, wir hätten in Wirklichkeit nur eine Micky-Maus-Figur gesehen.